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Kontamination durch Gen-Partikel?

Ein Leserbrief an die Frankfurter Rundschau (FR) über die aktuelle Berichterstattung über die Falschdeklaration von Baumwolle. Baumwolle, die von transgenen Pflanzen stammte wurde als “Bio” gekennzeichnet und das wurde in der FR zum Skandal ausgestaltet. Ich finde diese Einschätzung unwissenschaftlich und überzogen und habe daher soeben folgenden Leserbrief abgeschickt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit etwa zwei Monaten beziehe ich die FR in einem Test-Abo und bin enttäuscht über die teilweise tendenziöse und unwissenschaftlich-polemisierende Diskussion aktueller Themen. Konkret geht es mir um die Berichterstattung in der aktuellen Wochenendeausgabe vom 23./24. Januar 2010 über den Vorfall, dass als “Bio” gekennzeichnete Kleidung in den Handel gekommen ist, die mit “Gen-Partikeln kontaminiert” ist (S. Börnecke: “Der Webfehler”, S. 13). Hier wird mit Begriffen und Ängsten gespielt, die der Sachlage überhaupt nicht gerecht werden. Die Schreibweise zeugt außerdem von fundamentalen Wissenslücken in den Grundlagen der Biologie.

Während die (Unter-)Überschriften immerhin noch den tatsächlichen “Skandal” benennen, nämlich lediglich einen (unlauteren, aber harmlosen!) Etikettenschwindel, wird in den Texten unterstellt, dass hier die dummen (“oft Analphabeten”, S. Börnecke: “Ein fast schon vollendeter Siegeszug”) indischen Bauern Saatgut kauften, das irgendwie gefährlich ist. Herr Börnecke versäumt dabei aber zu zeigen, was genau gefährlich ist an dieser “Kontamination” (S. Börnecke: “Ein fast schon vollendeter Siegeszug”).

Ein Greenpeace-Mitarbeiter wird zitiert mit der Aussage, dass eine erste Insektenart gegen das von der transgenen Baumwolle produzierte Bt resistent geworden ist. Aber ist das relevant? Ist es überhaupt eine Schädlingsart? Und ist die Resistenz wirklich durch die Bt-Pflanzen entstanden oder vielleicht eher durch den unvorsichtigen (gentechnikfreien!) Einsatz des Bt-Toxins? Später schreibt Herr Börnecke in demselben Artikel, dass es zur “Pollenvermischung” zwischen verschiedenen Baumwoll-Sorten kommen könne, ohne zu erkennen, dass dies genauso der “Logik der Natur” entspricht wie o.g. Resistenzbildungen.

Blätter man weiter, liest man auf Seite 4 über einen Zwischenfall in einer Urananreicherungs-Fabrik. Die Terminologie ist erschreckend ähnlich derer auf den zwei Seiten davor. In Anbetracht der realen Gefahren bei der Arbeit mit Uranhexafluorid und der lediglich eingebildeten Gefahren beim Anziehen eines Pullovers aus Bt-Baumwolle, erscheint die relative Gefahrendarstellung in den entsprechenden Artikeln völlig verzerrt. Im Kommentar auf S. 13 wird ferner durch den Vergleich dieses Vorfalls mit gefälschter “Bio”-Kennzeichnung von Hendl und Weizen impliziert, dass der Kunde durch das Anziehen eines Pullovers mit “Gen-Partikeln” (was immer das genau sein soll!) möglicherweise gesundheitliche Nachteile erleidet.

In Ihrer Internet-Präsenz wird die Fakten-Verdreherei dann aber ins Unanständige gesteigert: In “Tödliche Felder” wird unterstellt, dass Bauern sich das Leben nähmen, wenn sie das teure Bt-Saatgut nicht mehr bezahlen können. Wieso übernehmen Sie diese Propaganda-Information von Gentechnik-Gegnern so ungeprüft? Dazu gibt es aktuelle wissenschaftliche Studien, die diesen Zusammenhang nicht nachweisen können:

Gruère, G., Mehta-Bhatt, P., Sengupta, D. (2008): Bt Cotton and Farmer Suicides in India. Reviewing the Evidence. IFPRI Discussion Paper No. 808. Washington, DC.

In “Klamotten in Verruf” (S. Hamacher u.a., S.2) widerspricht Frau Hamacher sich dann selbst — offenbar ohne es zu bemerken! Denn das “Organic Label” bezeichnet laut ihrem Artikel ja genau “Baumwolle, die ohne den Einsatz schädlicher Chemikalien angebaut wurde”. Aber genau das ist doch die transgene Baumwolle! Dabei würde ein kurzer Blick in ein aktuelles Nachschlagewerk, z.B. die Wikipedia, genügen, um eine Auflistung wissenschaftlicher Studien zu finden, die nachweisen, dass der Einsatz von Bt-Baumwolle zu dramatischen Reduktionen von (tatsächlich giftigen) Chemikalien führen kann, etwa

Huang, J., Hu, R., Pray, C., Qiao, F., Rozelle, S. (2003): Biotechnology as an alternative to chemical pesticides: a case study of Bt cotton in China. Agricultural Economics. Vol.29, pp. 55–67.

Dies führt dann wiederum zu weniger Vergiftungstoten (in China laut Wikipedia “geschätzte 500 Tode und 45.000 schwere Erkrankungen pro Jahr”):

Pray, C., Huang, J., Hu, R., Rozelle, S. (2002): Five Years of Bt Cotton in China – The Benefits Continue. The Plant Journal. Vol. 31, pp. 423-430. doi:10.1046/j.1365-313X.2002.01401.x

Hossain, F., Pray, C., Lu, Y., Huang, J., Hu, R. (2004): Genetically modified cotton and farmers’ health in China. International Journal of Occupational and Environmental Health. Vol. 10, pp. 296–303.

Wer diese Fakten außer Acht lässt und nur den naturfremden esoterisch-postmodernen Wunsch mancher Leute im Sinn hat, möglichst “natürliche” Produkte zu verwenden, dem kann ich sein Gutmenschentum leider in keiner Weise abnehmen.

Ich wünsche mir von meiner Tageszeitung eine ausgewogene, wissenschaftlich-fundierte Darstellung gerade auch umstrittener Themen, bei der mehr Wissenschaftler und weniger Meinungsmacher zu Wort kommen!

Mit freundlichen Grüßen,
Leonard Burtscher


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